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Mit Kinderaugen entdecken: Wirtschaft PDF Drucken E-Mail

Mit Kinderaugen entdecken“Du Papa, hat das Licht mein Eis aufgegessen?” Die Frage kommt völlig überraschend. Ich stehe mit meinem 4-jährigen Sohn vor dem Glühbirnenregal im Baumarkt und bin fasziniert und verwirrt zugleich. Zwei Tage vorher kam er mit einem eisverschmierten Gesicht aus der Eisdiele. Das T-Shirt sah auch lecker aus. “Du musst aufpassen, sonst isst die Sonne Dein Eis auf.” Das wirkte. Zumindest das T-Shirt blieb von weiteren Flecken verschont. Die Eistruhe im Baumarkt hatte mein Sohn zuerst entdeckt. Ein Blick in den Geldbeutel genügte, um festzustellen, dass das Kleingeld für ein Eis nicht reichen würde. “Papa hat gerade nicht so viel Geld mit” erklärte ich also meinem Sohn. Und zum Trost: “Wir gehen mal wieder Eis essen.” Die Situation war zwar gerettet, aber der Gedanke beschäftigte meinen Sohn noch eine Weile. Die Frage brachte es auf den Punkt. Er hatte offensichtlich begriffen, dass wir mit dem Geld entweder Glühbirnen oder das Eis kaufen konnten. Wir mussten uns also entscheiden. Die Glühbirne hatte sozusagen das Eis tatsächlich aufgegessen.

Mit ihrer Phantasie erobern Kinder die Welt. Sie stellen Zusammenhänge her, wo scheinbar keine sind und versetzen uns Erwachsene dadurch oft in Erstaunen. Kinder entwickeln auf diese Art auch schon im Vor- und Grundschulalter Vorstellungen über Wirtschaft. In seiner Vorstellung hatte mein Sohn gerade offensichtlich festgestellt, dass die Glühbirne für mich zumindest soviel Wert sein muss wie ein Eis für ihn. Das Bild mit dem er das ausgedrückt hat mag naiv wirken, in diesem Bild steckt allerdings mehr als es den Anschein hat. Kinder können durchaus erkennen, dass wirtschaften im Alltag über die Erfüllung der eigenen Wünsche hinaus geht. Wirtschaftliches Lernen sollte diese Alltagserfahrungen der Kinder berücksichtigen.

Bis heute ist das Ziel der Wirtschaftswissenschaften die Überwindung von Knappheit. Jedes Problem stellt eine Knappheit dar - sonst wäre es kein Problem. Wirtschaftlich zu handeln bedeutet somit, Verschwendung zu vermeiden und knappe Güter nicht freiwillig zu vergeuden. Verschwendung ist auch deshalb problematisch, weil dann die Dinge nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir nehmen sie anderen weg und deren Wünsche bleiben auf der Strecke. Mein Sohn hatte gerade genau diese Erfahrung gemacht. Sein Wunsch nach einem Eis konnte nicht erfüllt werden, weil nicht genug Geld zur Verfügung stand. Und gleichzeitig war ihm klar geworden, dass wir ohne Glühbirne zu Hause wohl kein Licht haben würden. Die Glühbirne hatte also auch für ihn einen Nutzen. In gewisser Weise steckt darin aber auch ein sozialer Vergleich, der – zumindest kurzfristig – das Gemeinwohl über das eigene Bedürfnis stellt.

Das Beispiel zeigt, dass im wirtschaftlichen Denken von Kindern viel mehr steckt, als gemeinhin angenommen wird. In Wirklichkeit denken Kinder oft nachhaltiger als so mancher Erwachsene. Kinder trennen nicht zwischen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichem Nutzen. Sie können es nicht trennen, da ihnen die Fähigkeit zur Kategorisierung fehlt. Für Kinder stehen Werte grundsätzlich immer im Zusammenhang. Erwachsene versuchen hingegen den Wohlstand zu messen und erfinden dafür Namen wie “Bruttoinlandsprodukt”. Langsam setzt sich aber auch in ihrer Welt die Erkenntnis durch, dass die bestehenden Zahlen keine Auskunft über das Wohlergehen oder das Glück der Menschen geben. Daher versuchen Wissenschaftler seit Jahren schon, das Leben umfassender zu bewerten. Die Organisation OECD hat dazu den sogenannten “Better Life Index” entwickelt. Mit ihm wird Menschen die Möglichkeit geboten, neben dem Einkommen auch andere Dinge wie die Wohnverhältnisse, die Bildung, die Umwelt oder auch die Gesundheit oder die Zufriedenheit in ihrem Land zu bewerten. “Er hat das überragende Potential uns zu besseren Ansätzen für ein besseres Leben zu verhelfen”, sagte Angel Gurria, der Generalsekretär der OEDC.

Nach meinem Erlebnis im Baumarkt erscheint mir dies wie die Suche nach dem heiligen Gral, den wir irgendwann zusammen mit unserer Unschuld verloren haben. Vielleicht sollten wir Erwachsenen uns mit den vermeintlich naiven Vorstellungen von Kindern mehr auseinandersetzen. Indem wir Kinder- und Erwachsenenwelt einander näher bringen, ergeben sich neue Spielräume. Und manchmal verändern wir dadurch die Welt zumindest ein kleines bisschen. Genau das ist das Ziel von entdex.

 

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